Frank und frei: Zum 100. Geburtstag von Antony Fisher: „Vergessen Sie die Politik!“

Frank und frei: Zum 100. Geburtstag von Antony Fisher: „Vergessen Sie die Politik!“

prometheus-frankundfrei-logo

Wer künftig in die öffentliche Sauna geht, muss wohl mehr bezahlen. Die Finanzverwaltung will jetzt den vollen Mehrwertsteuersatz von 19 Prozent auf die Freikörperkultur erheben. Bis zum 30. Juni ist das noch anders. Bis dahin wird das öffentliche Saunieren als ermäßigt zu besteuerndes Heilbaden angesehen. Wer nach dem Saunagang dann mit dem Paternoster vom Keller in den ersten Stock fahren will, braucht neuerdings einen Führerschein. Arbeitsministerin Andrea Nahles legte kürzlich eine Verordnung über Sicherheit und Gesundheitsschutz bei der Verwendung von Arbeitsmitteln (Betriebssicherheitsverordnung – BetrSichV) vor, die Arbeitgeber dazu verpflichtet, zu gewährleisten, dass diese Aufzüge nur von Beschäftigten benutzt werden, die vorher entsprechend eingewiesen wurden. Mit einer Änderungsverordnung zur Betriebssicherheitsverordnung will Nahles jetzt zumindest die Paternoster auch für Besucher öffnen. Was für ein Freiheitsgewinn!

Mit diesen Marginalien hat sich Anthony Fisher nicht beschäftigt. Der Liberale, der am 28. Juni vor 100 Jahren geboren wurde, und an den wir hier erinnern wollen, hatte die Freiheit im Großen im Blick. Er war geprägt vom Krieg und von den politischen Wirren und Verirrungen in den 40er Jahren. Großbritannien schickte sich nach dem Krieg an, ein sozialistisches Land zu werden. Unter einer radikalen Labour-Regierung wurden die Schlüsselindustrien verstaatlicht und der Spitzensteuersatz auf 98 Prozent angehoben.

In diesem Umfeld ist Fisher an eine Zusammenfassung des bahnbrechenden Werkes von Friedrich August von Hayek „Der Weg zur Knechtschaft“ geraten. Darin beschreibt Hayek die Folgen von Sozialismus und Planwirtschaft aller Schattierungen. Sie zerstören unweigerlich das Recht, die Marktwirtschaft und die individuelle Freiheit. Es ist die immer wiederkehrende Auseinandersetzung zwischen dem Kollektiv auf der einen Seite und dem Individuum auf der anderen. Hayek sieht die ideologischen Wurzeln und schrecklichen Verirrungen des Nationalsozialismus im Sozialismus beheimatet. Der Einzelne spielt dabei keine Rolle, nur das große Ganze, die Nation, das Kollektiv und das Ergebnis zählen. Anthony Fisher war von diesen Ideen so begeistert, dass er aus Sorge um die Zukunft den in London lehrenden Hayek aufsuchte, um ihn zu fragen, was er tun könne. Fisher wollte eigentlich den Weg in die Politik zu den britischen Torys gehen, um den aktuellen politischen Kurs zu verändern. „Vergessen Sie die Politik!“, soll Hayek ihm gesagt haben. Das sei Zeitverschwendung. Politik folge nur den vorherrschenden Meinungen. Wenn er etwas verändern wolle, dann müsse er den Kampf der Ideen gewinnen und die Meinungen formen, der die Politik dann folgen werde.

Fisher befolgte den Rat Hayeks und gründete 1955 das Institute of Economic Affairs (IEA) in London, das seitdem in Büchern, Artikel und Veröffentlichungen für Marktwirtschaft und Freiheit eintritt und in diesem Jahr ebenfalls ein Jubiläum feiert. Dass England nicht völlig im Sozialismus erstickt ist, lag an den Kurskorrekturen, die Maggy Thatcher Ende der 1970er und Anfang der 1980er Jahre durchgesetzt hat. Sie wäre jedoch nie in ihrer Partei und später im Parlament an die Spitze gewählt worden, wenn nicht das IEA über viele Jahre den geistigen Boden dafür bereitet hätte. Fisher und seine Mitstreiter haben den Kampf der Ideen am Ende gewonnen. In ihrer ersten Kabinettssitzung soll Thatcher das Buch „Die Verfassung der Freiheit“ von Hayek auf den Kabinettstisch geknallt und gesagt haben: „Das ist unser Programm, was wir umsetzen wollen.“

Inspiriert vom Erfolg des IEA gründete Fisher 1981 die Atlas Economic Research Foundation, deren Aufgabe es ist, Denkfabriken auf der ganzen Welt zu initiieren, um die Erfolgsgeschichte des IEA rund um den Globus fortzuschreiben. Inzwischen ist ein Netzwerk von über 400 liberalen Think Tanks auf der ganzen Welt entstanden, die die Basis für zahlreiche politische und ökonomische Erneuerungsprozesse gelegt haben. Roger Douglas in Neuseeland, Ronald Reagan in den US und die marktwirtschaftliche Entwicklung der baltischen Staaten nach dem Fall der Mauer sind nur die bekanntesten Beispiele.

In Deutschland herrscht vielfach der Eindruck vor, es würden nur die Falschen regieren. Es müsse einfach eine andere Partei gewählt werden, damit sich der Kurs wieder ändert. Deshalb müsse bei der nächsten Wahl diese oder jene Partei gewählt werden und alles werde gut.

Doch eine Maggy Thatcher oder ein Roger Douglas fallen nicht vom Himmel. In einem Umfeld, wo die gesamte Gesellschaft immer zentralistischer, immer planwirtschaftlicher und immer staatsgläubiger wird, haben die Thatchers und Douglas‘ dieser Welt keine Chance, egal welche Partei regiert. Ohne ein Umfeld, das den Boden bereitet, spült es andere nach oben. Es sind diejenigen, die den Saunabesuch höher besteuern wollen und sich den Paternosterführerschein ausdenken. Diese werden in einem Umfeld von der Mehrheit getragen, die das über sich ergehen lässt – sei es aus Resignation oder aus Unwissenheit. Beides ist für die Freiheit tödlich.

Freiheitsfreunde müssen den Kampf der Ideen für sich gewinnen und den Nährboden für eine offene Gesellschaft selbstbewusster Bürger bereiten. Das ist die Voraussetzung, damit eine Gesellschaft nie wieder Totalitarismen erliegt, sondern einen inneren Kompass entwickelt, der dazu führt, dass freie Bürger aufstehen, anpacken und für die Freiheit kämpfen. Das erfordert vor allem eins: Mut! Den Mut, den auch Anthony Fisher hatte. Auch heute braucht es wieder Persönlichkeiten wie Anthony Fisher, die dem Weg zur Knechtschaft nicht tatenlos zusehen wollen. Es braucht sie dringender denn je.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf dem Blog von Prometheus – Das Freiheitsinstitut.

Foto: R. Barraez D’Lucca auf Flickr.

Leave a Reply

Your email address will not be published.

facebooktwitterinstagramxing