Sigmar Gabriel ist zu gratulieren. Seit Willy Brandt ist er der Vorsitzende, der am längsten im Amt ist – seit nunmehr über fünf Jahren. Und dies obwohl die Sozialdemokratie nur noch rund ein Viertel des Wählerkuchens in Umfragen erreichen. Doch Wahlumfragen anderen vorzuhalten, steht gerade aktuell mir – einem Liberalen - nicht zu. Meine Prognose ist sogar, dass die Sozialdemokratie wieder Oberwasser gewinnen wird. Nicht so sehr, weil Nahles und Gabriel so ein gutes Tandem bilden, sondern weil der Zeitgeist ihnen hilft. Denn dieser Zeitgeist ist sozialdemokratisch. Ihr Held ist Thomas Piketty. Der französische Ökonom stürmt die Gazetten mit seinem Buch „Der Kapitalismus im 21. Jahrhundert“. Seine These, dass die Ungleichheit auf der Welt fortwährend zunimmt, weil die Rendite des Kapitals dauerhaft größer ist als das Wirtschaftswachstum soll beweisen, dass die Reichen immer reicher werden und die Armen immer ärmer. Hohe Erbschaft- und Vermögensteuern und Einkommensteuern von bis zu 82 Prozent sollen daher soziale Gerechtigkeit herstellen.

IMG_0703.JPGThomas Pikettys Buch „Das Kapital im 21 Jahrhundert“ ist in einer Hinsicht interessant. Doch es ist nicht seine These von der wachsenden Ungleichheit, die ich nicht teile, sondern es ist der Quell der vielen historischen Fakten.

So beschreibt er sehr detailliert die Entstehung der progressiven Einkommensteuer. Für Piketty ist die progressive Steuer „ein konstitutives Moment des Sozialstaates“. Daher könnte man auch meinen, sie sei eine Erfindung des Wohlfahrtsstaates. Doch weit gefehlt. Sie ist eine Erfindung des Krieges, seiner Finanzierung und deren Folgen.

Zwar führte Preußen bereits 1891 eine progressive Einkommensteuer ein, doch diese verdiente ihren Namen noch nicht: der Spitzensteuersatz lag bei 3 Prozent und wurde von 1915 bis 1918 auf 4 Prozent erhöht.

Thomas Pikettys These der wachsenden Ungleichheit und seine zahlreiche Gegnerschaft lässt mich ratlos zurück. Die einen meinen, seine Zahlen seien gefälscht, die anderen verteidigen die grundsätzliche Aussage der wachsenden Ungleichheit auf der Welt. Ich glaube zwar auch, dass seine These nicht stimmt. Man muss

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