Draghi im Bundestag

Am Mittwoch sprach der Präsident der EZB Dr. Mario Draghi im Bundestag vor. Er kam, um sich und die unter ihm gefassten jüngsten Beschlüsse zum Anleihenaufkauf zu verteidigen. Deutsche Stimmen hatten diese vielfach kritisiert. Auf die geäußerten Bedenken wollte er in seiner Rede eingehen. Man kann seine Rede hier nachlesen.

Die Streitfrage kreist dabei um das Problem des monetären Transmissionsmechanismus. Dieser sei gestört, denn ein von der Zentralbank festgesetztes niedrigeres Zinsniveau führe nicht – wie man es üblicherweise erwarten würde – zu niedrigeren Zinsen und leichter verfügbaren Krediten für die Wirtschaft. Der Transmissionsmechanismus bezeichnet also den „Zusammenhang zwischen Änderungen im monetären Bereich und deren Wirkung auf den realen Sektor sowie das Preisniveau“ (Otmar Issing, Einführung in die Geldtheorie, S. 146). Wenn Draghi von einem gestörten Transmissionsmechanismus spricht, dann meint er allerdings nicht einmal den „realen Sektor“, von dem Issing spricht. Es gibt keine Kreditklemme, die Unternehmen erhalten derzeit und seit Jahren ausreichend Kredit.

Gestört ist der Transmissionsmechanismus vor allem und eigentlich nur im Hinblick auf die europäischen Banken. Zuletzt vor einigen Jahren erfüllte der Interbankenmarkts seine Aufgabe, dass die überschüssige Liquidität der einen Bank gegen Zins von einer anderen Bank ausgeliehen und genutzt werden konnte. Das ist nicht mehr der Fall, vor allem im grenzüberschreitenden Interbankenmarkt. Draghi spricht davon, dass der Interbankenmarkt „schwerwiegend fragmentiert“ und für einige Banken und sogar die Kreditwirtschaft ganzer Eurostaaten „praktisch verschlossen“ sei. Die Störung des Transmissionsmechanismus ist also insofern besonders, dass sie sich nicht auf den Lehrbuchfall Realwirtschaft, sondern die Kreditwirtschaft bezieht. Durch die Ankündigung Draghis, Anleihen am Sekundärmarkt ohne Preis- und Mengenlimit aufkaufen zu wollen, sollen gezielt diese Störungen bekämpft und der Transmissionsmechanismus wieder in Gang gesetzt werden.
Das blendet natürlich aus, dass die Störungen des Interbankenmarkt eine schlichte Ursache haben könnten: Die Kreditwirtschaft der Eurozone ist zu großen Teilen überschuldet. Niemand – zuallerletzt wirtschaftlich denkende Banken – gibt jemandem Kredit, der überschuldet ist, also Solvenzprobleme hat. Solvenzprobleme löst man nicht, indem man den Beteiligten zu noch mehr Schulden verhilft. Die Ursache für die Überschuldung liegt in meinen Augen in unserem Geldsystem, das die Schaffung von Geld und Kredit aus dem Nichts begünstigt und Ersparnisbildung behindert.

Doch eine andere Frage beschäftigt mich viel mehr: Was passiert, wenn Draghi mit seinen Maßnahmen Erfolg hat und den Transmissionsmechanismus repariert? Ein funktionierender Transmissionsmechanismus sorgt nach der oben wiedergegebenen Lehrbuchdefinition dafür, dass Änderungen im monetären Bereich Änderungen im realen Sektor und beim Preisniveau haben. In dem Moment, in dem die Maßnahmen Draghis erfolgreich sind, müssen alle jetzt vorgenommene Operationen der EZB Wirkungen haben. Und davor sollte man sich fürchten.

Wir haben eine mehrjährige Phase von Dauerniedrigzinsen und gleichzeitig eine bislang ungesehene exorbitante Ausweitung der Geldbasis hinter uns. Gleichzeitig ist die Umlaufgeschwindigkeit von M3 und M1 auf einem historischen Niedrigstand (siehe Grafik, Quelle EZB Monatsbericht Oktober, S. 23). Sobald der Transmissionsmechanismus greift, werden die Gelder in die Wirtschaft strömen, die Umlaufgeschwindigkeit zunehmen und die Geldmengen enorm wachsen.

Die Folge dessen ist für mich klar. Vor einer galoppierenden Inflation warnte eben der ehemalige EZB-Chefvolkswirt Jürgen Stark am Mittwoch in Brüssel. Er sprach davon, das alles würde zu einem „Riesenproblem werden, wenn sich das Wachstum verstärkt.“ Die Liquidität finde ihren Weg über die Vermögenspreise früher oder später auch hin zu den Verbraucherpreisen. Die Sorge vor Inflation in einer uns allen schadenden Höhe habe ich mit Jürgen Stark gemeinsam.

Umlaufgeschwindigkeit

Freundliche Grüße
Frank Schäffler

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