Irrsinn Transparenz

Ihre Krankenakte, die Erziehung Ihrer Kinder, Ihr Kontostand – nichts bleibt noch privat. Alle wollen mitlesen und Sie kontrollieren.

Zensur! Den Vorwurf höre ich gelegentlich, wenn ich einen Kommentar auf meinem Facebook-Profil lösche. Dabei bringt der falsche Vorwurf bestens den Zeitgeist zum Ausdruck. Meinungsfreiheit ist ein hohes Gut, in einer Demokratie womöglich das höchste. Gleichwohl bedeutet Zensur mehr als die Einschränkung der Meinungsfreiheit. Entscheidend ist ihre Zielrichtung. Nutznießer der Grundrechte sind die Bürger, verpflichtet ist der Staat. Er darf nicht zensieren. Grundrechte sind Abwehrrechte gegen den Staat. Wenn Bürger von Bürgern die Wahrung ihrer Grundrechte fordern, vermischen sich die Sphären.

Diese Vermischung hat Wurzeln, die bis in die 60er-Jahre zurückreichen. Der erfolgreichen Demokratisierung des Staates sollte die Demokratisierung der Gesellschaft folgen. Seitdem teilen sich in mitbestimmten Unternehmen die Eigentümer das Sagen mit der Arbeitnehmerseite. Doch wer mitbestimmen will, muss informiert sein. Daher schauen Nichteigentümer in die Geschäftsbücher, kontrollieren die Unternehmensprozesse und überwachen die strategischen Entscheidungen. Die Forderung nach Demokratisierung der Gesellschaft hat so die Saat gelegt für einen zeitgenössischen Fetisch, die Transparenz. Unternehmen sollen sich jetzt nicht mehr nur ihren Gläubigern und Aktionären erklären, sondern der Allgemeinheit. Gefordert werden Berichte über wohltätiges, ökologisches und soziales Engagement. Und wie wird im Unternehmen überhaupt an der Gleichstellung gearbeitet? Grenzen kennt diese Schnüffelei kaum noch. Sie macht nicht vor der Produktpolitik und auch nicht vor der Preisgestaltung halt. Der Wahnsinn kulminiert in einer Markttransparenzstelle. Den Unternehmen, den Multis, den fiesen Geschäftemachern gönnen viele ja den Schaden.

Doch die Forderung nach Transparenz ist ein Bumerang. Sie trifft auch den Privatmann. Was beim Einkommen im Rahmen der Steuererklärung anfing, ist auf das Vermögen – das nicht besteuert wird – ausgeweitet worden. Kein Konto, keine Immobilie ist geheim. Das Recht auf anonymes
bares Bezahlen haben Sie fast verloren. Das Bankgeheimnis, das korrekt Bankkundengeheünnis heißt, wurde in Deutschland schon lange abgeschafft. Es diente ursprünglich dazu, die jüdischen Kunden Schweizer Banken vor dem Zugriff der Nazis zu schützen. Nun wird es europaweit beerdigt. Das Jugendamt interessiert sich für die Erziehung Ihrer Kinder, die Krankenkasse für Ihre Krankenakte – und bald schon für Ihren Zucker- und Fettkonsum. Wie behandeln Sie eigentlich Ihren Hund? Die Tierschützer verlangen artgerechte Haltung. Seit Neuestem will die EU Zugriff auf Ihre Daten bei Facebook. Niemand und nichts bleibt unbehelligt. Es gibt keine private Entscheidung, die nicht Behörden
aus dem Halbschlaf weckt. Aus privat wird öffentlich.

Die Befürworter einer mitbestimmten demokratisierten Gesellschaft haben ihr Ziel erreicht. Die totale Transparenz allen Handelns ist Abfallprodukt ihres Tuns. Der gläserne Bürger kommt, wenn wir uns dem nicht mit aller Kraft und in aller Konsequenz entgegenstellen.

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