Kein lästiges Beiwerk, sondern Problemlöser!

Kein lästiges Beiwerk, sondern Problemlöser!

EIN GASTBEITRAG VON FRANK SCHÄFFLER UND CLEMENS SCHNEIDER am 9. Mai 2021

In der Pandemie ist der Staat noch mächtiger geworden, als er es ohnehin schon war. Dabei ist es vor allem die private Wirtschaft, die sich als krisenfest und einfallsreich erwiesen hat. Anstatt die Unternehmer wie Schulkinder „in die Pflicht“ zu nehmen, sollte die Kanzlerin deren Leistung anerkennen. Und zwar explizit.

Die politisch Verantwortlichen in Bund, Ländern und Europa haben – vorsichtig formuliert – keine durchgehend eindrucksvolle Figur gemacht im Umgang mit der Pandemie. Das wissen wir alle. Mit etwas Glück vielleicht sogar sie selbst.

Umso weniger verständlich ist es, wie viele von ihnen ausgerechnet denen Vorwürfe machen und Knüppel zwischen die Beine werfen, die in erheblichem Maße dazu beigetragen haben, dass doch manches funktioniert hat; dass sich die Pandemie nicht zu einer Totalkatastrophe für die Menschen im Land entwickelt hat.

Das sind die zahllosen Kleinunternehmer, die im März und April vergangenen Jahres in kürzester Zeit ihre Produktion angepasst und Masken genäht und Plexiglasscheiben zurechtgeschnitten haben. Die Restaurants, die sich blitzschnell umgestellt haben auf Essensabholung, um schon im ersten strengen Lockdown zu überlegen und zu recherchieren, wie sie ihre Läden mit möglichst geringem Risiko für die Kundinnen und Kunden wiedereröffnen können; die Luftreiniger für drinnen und Heizpilze für draußen gekauft haben.

Wo wäre unser Land, wenn nicht Anbieter von Videostreaming-Plattformen in Windeseile gigantische Kapazitäten aufgebaut hätten? Mit welch noch viel heftigerer Wucht hätte dann die Einsamkeit den verwitweten Großvater im Pflegeheim getroffen – genau so wie seine Enkeltochter, die gerade in eine neue Stadt gezogen ist, um ihr Studium zu beginnen? Wie hätte man die Millionen von Schülern unterrichten sollen – über KiKA?

Zahllose Labore haben ihre Kapazitäten angepasst an die neue Situation. Große Pharma-Unternehmen haben sich in atemberaubender Geschwindigkeit auf die Entwicklung und Produktion von schier unglaublichen neuen Impfstoffen umgestellt. Medizinstudentinnen haben Kunstgalerien in Berlin zu Schnelltest-Zentren umgebaut, die sogar noch reibungsloser funktionieren als die Kanzlerkandidatenkür bei den Grünen.

Bewundernswerte Leistungen

Die Leistung der Selbständigen, Unternehmerinnen und Unternehmer in unserem Land und auf der ganzen Welt ist zutiefst bewundernswert. Sie haben schnell, flexibel, fantasiereich und unverdrossen Lösungen für die vielen Herausforderungen gefunden, von denen Ende 2019 noch niemand ahnte, dass sie überhaupt existieren könnten. Sie sind Risiken eingegangen und haben zum Teil in absoluter Selbstlosigkeit gehandelt.

Was wäre es doch für ein schönes Zeichen gewesen, wenn die Kanzlerin, der Bundespräsident oder zumindest irgendein hochrangiger Amtsträger das einmal ausführlich und deutlich gewürdigt hätten! Man hätte Dankbarkeit zum Ausdruck bringen können. Sicherlich auch freudigen Stolz auf diese Frauen und Männer – unsere Mitbürger! Man hätte davon schwärmen können, wie Erfindungsreichtum und Leidenschaft so vieler unterschiedlich begabter Menschen selbst in den dunkelsten Stunden noch leuchten.

Selbständige werden bemitleidet

Doch nicht so in Deutschland, in dem man es sich unter Führung einer zum Teil mit erklecklichen Gehältern und üppigen Pensionsansprüchen ausgestatteten Klasse von „öffentlichen Intellektuellen“ in einem bräsigen und selbstgefälligen Modus eingerichtet hat, der alles vom Staat erwartet und fast alles zu geben bereit ist. Selbständige werden bemitleidet, weil sie in ihrer Unsicherheit ja in geradezu prekären Verhältnissen leben müssen. Unternehmer und Unternehmerinnen innen hingegen werden als rücksichtslose Ausbeuter ihrer Angestellten, Kunden und Zulieferer gezeichnet.

Dass wir im öffentlichen Diskurs geradezu systematisch den entscheidenden, bisweilen lebensentscheidenden Beitrag dieser Menschen für unsere Gesellschaft ausblenden, kommt freilich nicht von ungefähr. Wenn Unternehmer in Schulbüchern als natürliche Gegner dargestellt werden, im „Tatort“ oft die Mörder sind und von radikalen Klimaaktivisten für den Weltuntergang verantwortlich gemacht werden, muss man sich nicht wundern, wie wenig ihre Leistung verstanden und gewürdigt wird. Und das vielleicht noch größere Problem: Wie wenig junge Menschen Lust zur Selbständigkeit entwickeln.

Wo bleibt die Anerkennung?

In einer Gesellschaft, die zunehmend dominiert wird von einem die Allmachtsfantasien populistischer Politiker umsetzenden Öffentlichen Dienst und einer maximal-saturierten Welterklärer-Kaste, werden Unternehmer an den Rand gedrängt. Kein Applaus für die alleinerziehende Syrerin, die vor acht Jahren noch in Aleppo Physik unterrichtete und jetzt schon seit zwei Jahren einen Falafel-Imbiss betreibt. Keine Anerkennung für den 21-jährigen Tüftler aus Gera, der auf eigenes Risiko Luftfilter entwickelt und baut.

Nein, im Gefolge der von der Kanzlerin zertifizierten „schwersten Krise seit Bestehen der Bundesrepublik Deutschland“ fällt Politikern allenthalben nichts Besseres ein, als Unternehmen „in die Pflicht“ zu nehmen und von ihnen „ihren Beitrag zur Bewältigung der Krise“ einzufordern. Da schwingt natürlich mit, dass diese Unternehmen (viele hören hier übrigens nur Daimler, Rewe und Deutsche Bank) es sich schön gemütlich gemacht hätten mit den sprudelnden Hilfsgeldern – und jetzt aber wirklich mal mithelfen müssten. Kaum ein Wort des Dankes oder der Anerkennung. Nur impliziter Tadel wie gegenüber ungehörigen Schulkindern: „Jetzt macht doch auch mal endlich mit!“

Eigentlich kein Wunder, wenn Unternehmen zunehmend nicht mehr als Problemlöser wahrgenommen werden, sondern als lästiges Beiwerk in einer Gesellschaft, in der inspirierte Politiker den Weg weisen. Wie der Vizekanzler im Januar in einem Interview formulierte: „Bei Konservativen und Liberalen gibt es leider den Glauben, alles werde von alleine richtig entschieden, und ein starker Markt werde schon alles alleine regeln. Gerade die Pandemie zeigt, dass das ein Irrtum ist.“

Ein fataler Irrtum!

Nein, Herr Minister! Gerade die Pandemie hat gezeigt, dass genau das Gegenteil ein fataler Irrtum ist: Wo der Staat versucht, etwas zu regeln, bleibt er offensichtlich weit hinter den Möglichkeiten und Leistungen privatwirtschaftlicher Akteure zurück. Während Amazon problemlos einen weltweiten „Black Friday“ bewältigt und Uber sieben Milliarden Fahrten im Jahr koordiniert, kollabieren die Seiten zur Vergabe der Impftermine schon bei ein paar Tausend Anfragen. Und über den Anteil an Beamten und Beschäftigten im Öffentlichen Dienst, die problemlos ins Homeoffice gehen können, wollen wir auch nach einem Jahr Pandemie lieber peinlich berührt schweigen.

Der ganze Impf-Komplex ist ein Musterbeispiel für die Minderleistung des Staates: Von der Beschaffung bis zur Organisation der Impfzentren hat er alles an sich gezogen – und ist grandios gescheitert. In der EU wurde ein Brüsseler Urgestein mit den Verhandlungen zur Beschaffung beauftragt, das seit 33 Jahren bei der Kommission arbeitet; in Großbritannien dagegen eine Biochemikerin mit jahrzehntelanger Erfahrung im Venture-Capital-Bereich.

Dass die EU ins Hintertreffen geriet, war dann aber in der Eigendarstellung natürlich nicht deren Schuld, sondern die der Unternehmen – der egoistischen, der gierigen, der menschenfeindlichen.

Staatlich koordinierte Impfzentren, so wies kürzlich das Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung nach, verimpfen 80 Prozent der gelieferten Vakzine, Hausarztpraxen 95 Prozent. Aber klar: Der Markt kann das ja nicht…

Es ist wohl so, wie ein kluger Mensch einmal bemerkte: Man hätte von den Pharmakonzernen gar nicht Impfungen kaufen sollen, sondern Geimpfte. Organisation und Logistik hätten Unternehmen höchstwahrscheinlich sehr viel schneller, flexibler und bedienerfreundlicher hinbekommen als die Behörden – auch unter dem rigorosen Gerechtigkeitsregime der Ständigen Impfkommission (Stiko).

Unerschöpfliche Energiereserven

Es ist ein Jammer: Allenthalben versuchen staatliche Akteure herauszustellen, welche entscheidende Rolle sie bei der Bewältigung der Pandemie spielen. Dabei sind es die Unternehmerinnen und Unternehmer gewesen, die über Jahre hinweg Flexibilität eingeübt haben und ihre geradezu unerschöpfliche Energiereserven einsetzen, um Engpässe zu beheben und Nöte zu lindern, Auswege zu eröffnen und Einsamkeiten zu durchbrechen.

Ja, Staat und Politik haben eine wichtige Rolle in einer solchen Krise. Genau genommen gehört das sogar zu ihren Kernaufgaben. Und so sehr man über einzelne Maßnahmen streiten kann, gilt es natürlich anzuerkennen, dass viele Regierende zweifellos bis zur Erschöpfung um richtige Lösungen gerungen haben, um die Katastrophe abzuwenden. Keiner von ihnen ist um diese Aufgabe zu beneiden. Und wer hätte in einer solchen Situation nicht auch viele Fehler gemacht?

Diese Bemühungen und auch Leistungen dürfen aber nicht den Blick verstellen auf die vielen Problemlösungen, die ein Staat (offensichtlich) niemals ermöglichen könnte. Anstatt durch Belastung von und Vorwürfe gegen Unternehmen sich selbst in besseres Licht zu rücken, sollten Politiker vielmehr beginnen, Land auf, Land ab das Lob der Menschen zu singen, die für uns Wagnisse eingegangen sind – auf eigene und nicht fremde Kosten.

Das gute Licht, das auf sie fällt, sollte daher rühren, dass sie Unternehmertum ermöglichen, dass sie junge Menschen dazu ermutigen. Und dass sie jenen Dank aussprechen, ohne die es einfach nur trübe und leer und perspektivlos wäre in unserem Land.

Der Gastbeitrag erschien im Cicero: https://www.cicero.de/wirtschaft/unternehmer-corona-krise-angela-merkel-olaf-scholz-leistung

 

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