Lasst viele Bahnen blühen!

IMG_0703.JPGDie Genügsamkeit der Gesellschaft wird heutzutage besonders deutlich, wenn man mit der Bundesbahn fährt. Sie gibt sich zwar nach außen als privates Unternehmen, tatsächlich ist sie aber ein staatseigener Monopolbetrieb. Und wer mal den Intercity anstatt das Flaggschiff ICE nutzt, fühlt sich in die 1980er Jahre zurückversetzt. Denn im Intercity hat man den Eindruck, die Zeit sei stehengeblieben. Gefühlt jeder zweite Wagon ist kaputt. Entweder die Klimaanlage oder die Heizung funktioniert nicht. Ganz sicher ist aber, dass nur jede dritte Toilette begehbar ist. Und ich weiß nicht, ob es nur mir so geht: Pünktlichkeit mag vielleicht eine deutsche Tugend sein, aber für die Bahn scheint Unpünktlichkeit die Regel zu sein.

Wobei man sich besonders in das letzte Jahrtausend zurückversetzt fühlt, als das C-Netz der Bundespost als Inno- vation eingeführt wurde, sind die steinzeitlichen Kommunikationsmöglichkeiten in den Zügen. Zwischen Minden und Berlin funktioniert weder das Telefonieren noch die Bearbeitung von Emails mittels iPad. Nostalgikern mag die Entschleunigung gefallen, ich halte sie für Freiheitsberaubung und Nötigung. Wahrscheinlich würde sich das in 100 Jahren nicht ändern, würde der Wettbewerb die Bahn nicht aus ihrem Tiefstschlaf erwecken.

Seitdem die Fernbusse liberalisiert sind, kurven auf heimischen Autobahnen von Nord nach Süd und von Ost nach West zahlreiche Anbieter umher, sammeln Studenten und Low-Cost-Reisende ein und machen dem Staatsbetrieb endlich Beine. Und der Service ist auch noch besser. Kostenlose W-Lan-Verbindungen sind selbstverständlich.

Jetzt will die Bahn nicht nur bei den Fernreisen nach- justieren und preiswertere Angebote machen, sondern auch die Wagonflotte aufrüsten. Und im direkten Wettbewerbssegment der zweiten Klasse traut die Deutsche Bundesbahn sich nicht, die Preise zum Fahrplanwechsel zu erhöhen. Der Wettbewerb wirkt, die Kunden profitieren.

Apropos Wettbewerb: Was macht eigentlich der Wettbewerb auf der Schiene? Dort ist leider Funkstille – zumindest was die Fernstrecken betrifft. Alle nehmen das als dauerhaften Zustand hin. Ich nicht! Entlasst endlich die Bahn und ihre Kunden in die Freiheit. Privatisiert und zerschlagt diesen Moloch und lasst endlich viele Bahnen blühen!

Dieser Beitrag erschien zuerst in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift „eigentümlich frei“ Nr. 147.

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