Mehr Schutz durch Ratings

Gastkommentar für Financial Times Deutschland

20.11.2009

Die Konsequenz aus dem mutmaßlichen Betrugsfall Kiener kann nicht der Ruf nach strengerer Aufsicht sein. Stattdessen brauchen die Anleger mehr Transparenz und unabhängige Urteile.

Sollte sich der Betrugsverdacht gegen Helmut Kiener und seine K1-Fonds bestätigen, stellt dies erneut das Versagen des bisherigen Systems der Finanzdienstleistungsaufsicht unter Beweis. Selbst Verbote für einzelne Geschäftsaktivitäten hindern Betrüger nicht daran, auf anderen Wegen Anleger zu täuschen. Die Staatsanwaltschaft wirft Kiener vor, Gelder von Anlegern eingesammelt und entgegen den Absprachen ausgegeben zu haben. Solche Fälle werden uns immer wieder beschäftigen, wenn wir nicht grundsätzlich umdenken.

Wie in keiner anderen Branche kommt es im Finanzwesen auf Wahrscheinlichkeiten an: Wie wahrscheinlich ist es, dass ein bestimmtes Leistungsversprechen gehalten werden kann? Jede Abweichung von den bei Anlegern geweckten Erwartungen muss als Risiko begriffen werden.

Das Problem ist der Konstruktion der deutschen Finanzdienstleistungsaufsicht immanent: Die Beamten der Aufsicht können nur die Einhaltung von Rechtsnormen überprüfen und versuchen, sie mit Zwangsmitteln durchzusetzen. Auf diese Weise können die Handlungsspielräume von potenziellen Betrügern zwar wirksam eingegrenzt werden. Das Kernproblem bleibt aber ungelöst: Entlarvt sich ein Finanzjongleur als Betrüger, indem er gegen Rechtsnormen verstößt, ist es bereits zu spät. Die Justiz verbucht dann zwar den Erfolg, einen Betrüger überführt zu haben, der Anleger bleibt aber der Geschädigte, denn in der Regel sind Schadensersatzansprüche in Betrugsfällen nahezu wertlos. Da sich das System unserer Finanzdienstleistungsaufsicht bisher nicht grundsätzlich geändert hat, liefert der Fall Kiener Betrügern sogar noch Anschauungsmaterial, um nach neuen Schlupflöchern zu suchen.

Dabei steht die Arbitrage unterschiedlicher Rechtssysteme im Mittelpunkt: Es geht darum, Gesellschaften und Rechtsverhältnisse aus verschiedenen Hoheitsgebieten zu nutzen. Als Lösung dieses Problems einfach eine Weltfinanzaufsicht zu fordern, wäre naiv und allenfalls eine Langfristvision, die den Anlegern, die heute geschädigt werden, nicht hilft.

Eine wirksame Finanzaufsicht muss das Thema der Wahrscheinlichkeiten endlich verinnerlichen: Die digitalen Datenströme und die Informationsflut dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, dass die stets zukunftsgerichtete Frage danach, ob Ansprüche oder Erwartungen der Anleger erfüllt werden können, nicht digital beantwortet werden kann – nicht mit Ja oder Nein, sondern nur mit Wahrscheinlichkeitsurteilen. Zwischen Schwarz und Weiß sind die Graustufen der Realität zu nuancieren. Das gilt insbesondere für den sogenannten grauen Kapitalmarkt, der noch weitgehend ohne jedes Rating davonkommt.

Im Zuge der Finanzkrise hat die Politik erkannt, wie wichtig treffsichere Ratings sind. Deshalb werden nun auch die in Europa bisher unreguliert agierenden US-Ratingagenturen einer Aufsicht unterstellt. Ziel ist es, das Vertrauen in die Ratingsysteme zu sichern. Für den grauen Kapitalmarkt stecken die Ratingansätze dagegen noch in den Kinderschuhen: Anlegern ist schon deshalb ein systematischer Vergleich von Anlageofferten unmöglich, da ihnen die dazu erforderlichen Datenquellen fehlen und noch keine angemessenen Kriterien etabliert, geschweige denn akzeptiert sind.

Ungestört können Fonds ihren Anlegern so lange von wundersamen Geldvermehrungen berichten, bis die kriminelle Energie ihrer Manager und Initiatoren offensichtlich wird – und dann ist es wieder zu spät, um noch Anlegergeld zu schützen. Um diesen Missstand zu beheben, bedarf es eines Ratingsystems, das dem Anleger in jedermann verständlicher Form von Schulnoten Wahrscheinlichkeiten dafür aufzeigt, dass ein bestimmtes Anlageprodukt das gegebene Versprechen zu erfüllen vermag. Wenn für jedes Finanzprodukt mindestens zwei Ratings unabhängiger, kontrollierter Agenturen eingeholt werden müssten, hätten Finanzjongleure darzulegen, warum sie ihre Geldvermehrungen für so wahrscheinlich halten.

An skeptischen Stimmen hat es auch bei den K1-Fonds in den letzten Jahren nicht gemangelt. Wohl aber fehlte es an systematischen Ratings; Helmut Kiener ließ seine Firmen von keiner Ratingagentur durchleuchten, stellte sich keinen Ratingprozessen unabhängiger Analysten. Wer etwas zu verbergen hat, hat eher kein Interesse daran, unabhängige Ratinganalysten einzuladen. Von den Fondsratingagenturen wie Morningstar und Feri gab es schon deshalb keine Bewertung für K1, da diese Gesellschaften solche Hedge-Fonds nicht erfassen.

Natürlich sind auch Ratinganalysten nicht davor geschützt, von Betrügern über bisher erzielte Geschäftsergebnisse getäuscht zu werden. Im Unterschied zu Beamten und Richtern, die die Einhaltung von Gesetzen überprüfen, können sie sich aber Meinungen über die Wahrscheinlichkeit bilden, ob für ein Finanzprodukt auch weiter (exorbitante) Geldzuflüsse zu erwarten sind, um alle Anlegeransprüche zu befriedigen. Und sie können diese Meinung in standardisierter Form zum Ausdruck bringen.

Die Lücken im Rating sind zu schließen, indem jeder Anbieter von Finanzprodukten verpflichtet wird, mindestens zwei Ratings unabhängiger Agenturen einzuholen und diese jedem Anleger mitzuteilen. Ebenso müssen Berater haften, die ohne Aufklärung über erteilte Ratings Anleger zu Käufen von zwielichtigen Finanzprodukten bewegen. Wie die Finanzkrise zeigt, kann Europa hier nicht auf US-Agenturen warten , sondern ist gefordert, eigene Ratingansätze zu entwickeln und zu fördern.

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