Ordnungspolitik statt Kurvenklempnerei

Man gewinnt derzeit den Eindruck, die Finanz- und Wirtschaftskrise wäre über Nacht über uns hereingebrochen. Noch im Herbst 2007 prophezeiten die führenden Forschungsinstitute des Landes in ihrer Gemeinschaftsdiagnose: „Die deutsche Wirtschaft befindet sich nach wie vor in einem kräftigen Aufschwung. Die Auftriebskräfte sind weiterhin intakt.“ Auch der Sachverständigenrat der Bundesregierung befand in seinem Jahresgutachten 2007/2008: „Die unmittelbaren Effekte der Finanzmarktturbulenzen dürften begrenzt bleiben.“ Die gleichen Ökonomen geben jetzt Ratschläge, wie die Krise zu bewältigen ist. Das ist absurd.

Die Monopolisierung des Denkens an den deutschen Hochschulen ist das Problem. Seit nunmehr fast 30 Jahren herrscht dort eine Dominanz der neoklassischen Gleichgewichtstheorie. Nicht der kreative Unternehmer steht dabei im Vordergrund, sondern die Kunstfigur des immer objektiv seine Entscheidungen treffenden „homo oeconomicus“, den es in der Praxis nie gegeben hat. Das Denken in Ordnungen, wie Walter Eucken es propagierte, wird zu wenig gelehrt. Seit Jahrzehnten findet in Deutschland ein Ausverkauf der Ordnungstheorie und Ordnungspolitik statt. Mit Recht gibt es jetzt einen Aufschrei namhafter Wissenschaftler. Lehrstühle oder Professoren, die sich zur Österreichischen Schule bekennen, findet man im deutschen Sprachraum überhaupt nicht mehr. Dabei ist Politik auf gute Politikberatung angewiesen. In der Alltagspolitik wird aber nicht in Ordnungen gedacht. Der kurzfristige, vermeintliche „Geländegewinn“ steht im Vordergrund. Zwar konnte sich Ludwig Erhard als Wirtschaftsminister und späterer Kanzler vielfach nicht durchsetzen, aber er hatte einen Kompass, er dachte in Ordnungen. Und er hatte ein wirtschaftswissenschaftliches Umfeld mit Denkern, die den Staat in seine Schranken weisen wollten. Das war die Grundlage für den wirtschaftlichen Aufschwung nach dem Krieg. Einer davon, Wilhelm Röpke, hatte ein klares Weltbild zur Nationalökonomie seiner Zeit: „Die meisten Nationalökonomen sind Kreislaufingenieure, Nationalbuchhalter, Modelltischler und Kurvenklempner geworden. Sie sind reine Techniker der Wirtschaft, Ökonomokraten, Experten, in deren Händen unsere Wissenschaft völlig instrumentalisiert wird.“ Wer etwas ändern will, muss hier ansetzen.

Dieser Beitrag erschien auch bei ef-online.

Leave a Reply

Your email address will not be published.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

facebook twitter instagram xing