Souveränität statt Autarkie: Ein Plädoyer für die Globalisierung

Souveränität statt Autarkie: Ein Plädoyer für die Globalisierung

Photo by Anne Nygård on Unsplash

Autarkie – ein hehres Wort. Es leitet sich vom Altgriechischen autós „selbst“ und arkéin „genügen“ ab. Leider findet die Idee einer autarken – selbstgenügsamen – Wirtschaft immer mehr Zuspruch, und die Globalisierung hat einen schweren Stand. Nicht erst seit dem völkerrechtswidrigen Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine ist in aller Munde, dass Deutschland unabhängiger werden müsse. Der Ausbruch der Corona-Pandemie vor zwei Jahren und stockende Lieferketten gaben denen Auftrieb, die behaupten, dass mehr heimische Produktion in der EU gesichert werden müsse.

Die Krisen der letzten Jahre sind in der Tat Wasser auf die Mühlen der Globalisierungskritiker und Protektionisten. Die Globalisierung und Vernetzung der Menschheit als Ganzes wird infrage gestellt. Dabei war wohl die Globalisierung das größte Wohlstands- und Armutsbekämpfungsprogramm der letzten 150 Jahre.

Die Tendenz der Abschottung ist kein neues Phänomen. Im antiken Griechenland sah man den Kampf zwischen Stadtstaaten als Normalität an, woraus ein starker Autarkie- und Isolationswunsch erwuchs. Im 17. und 18. Jahrhundert herrschte in Frankreich der Merkantilismus: eine dirigistische Wirtschaftspolitik, um Exporte zu maximieren und Importe durch horrende Schutzzölle zu minimieren.

Bis heute gab und gibt es immer wieder Zollkriege. So verhängten die USA unter George W. Bush Zölle von 30 Prozent auf Stahlimporte. Barack Obama erließ Strafzölle auf Produkte chinesischer Solarunternehmen von bis zu 250 Prozent, und Donald Trump sprach sich klar gegen das Transatlantische Freihandelsabkommen (TTIP) aus. Im 14. Fünfjahresplan der Volksrepublik China wird ein Schwerpunkt auf die Binnenwirtschaft gesetzt: Heimischer Bedarf soll gestärkt und die Abhängigkeit von der globalen Wirtschaft verringert werden.

Dabei müsste gerade die chinesische Führung sehen, wie Globalisierung und internationaler Handel aus der Armut befreien können: Als 1976 Mao Zedong verstarb und 1979 Deng Xiaoping die Macht in der Volksrepublik China übernahm, war China ein armes Land mit einer Bevölkerung von einer Milliarde Menschen. 20 Jahre zuvor hatte Maos „Großer Sprung nach vorn“, bei dem planwirtschaftlich massenhaft Arbeitskräfte der Stahlproduktion zugeteilt und die Landwirtschaft kollektivistisch umgestaltet wurde, noch eine schwere Hungersnot zur Folge gehabt. Zwischen 20 und 40 Millionen Menschen waren ihr zum Opfer gefallen.

Globalisierung gegen die Armut

Deng öffnete die chinesische Wirtschaft, führte Sonderwirtschaftszonen mit niedrigen Steuersätzen ein und schaffte 1988 das System staatlich festgelegter Preise ab. Internationale Investitionen und Technologie waren willkommen. Etwa 800 Millionen Chinesen konnten seither aus absoluter Armut befreit werden, und gemessen am kaufkraftbereinigten Bruttoinlandsprodukt ist die Volksrepublik China heute die größte Volkswirtschaft der Welt. Seit 1950 hat sich das Pro-Kopf-Einkommen verzwanzigfacht.

Der Begriff der Globalisierung entstand in den 1960ern, was mit einem rasanten Anstieg des internationalen Handelsvolumens zusammenhängt. Wie der schwedische Philosoph und  Politikwissenschaftler Johan Norberg dargelegt hat, war für die Armutsbekämpfung die moderne Globalisierung wichtiger als die Industrialisierung des 19. Jahrhunderts. Dauerte es im 19. Jahrhundert 50 Jahre, bis die Menschheit ihr durchschnittliches Pro-Kopf-Einkommen verdoppelte, erreichten China und Indien dies innerhalb von zehn Jahren. Nicht nur in absoluten Zahlen, auch in Relation zum „Westen“ holen Entwicklungs- und Schwellenländer auf. Seit 2001 wachsen die Entwicklungs- und Schwellenländer schneller als Industrieländer. Heute kommt bereits ein Großteil der Patente aus diesen aufsteigenden Nationen.

Der britische Ökonom David Ricardo entwickelte Anfang des 19. Jahrhunderts das Modell des komparativen Kostenvorteils. Es erklärt, wieso internationaler Handel stets für beide Seiten vorteilhaft ist. Selbst wenn ein Land kein einziges Gut so schnell oder kostengünstig herstellen kann wie ein anderes Land, sollte es sich dennoch auf die Produktion desjenigen Gutes spezialisieren, das es noch am ehesten effizient herstellen kann. Im anderen Land, das entsprechend eine höhere Arbeitsproduktivität für alle Güter aufweist, werden dadurch zusätzliche Ressourcen frei, und es kann sich auf die Produktion des teureren beziehungsweise komplexeren Gutes fokussieren. Der Warenaustausch sorgt dafür, dass beide Staaten zu den niedrigsten Preisen die höchste Menge konsumieren können – die Wohlfahrt wird maximiert.

Komparative Vorteile nutzen

Dies erklärt, wieso ärmere Volkswirtschaften absolut aufholen. Relativ gesehen ist in Ländern mit niedrigem Kapitalstock (Maschinen) das Grenzprodukt des Kapitals relativ hoch. Es lohnt sich für Investoren, hier zu investieren, da der potenzielle Ertrag pro Euro höher ist als in entwickelten Volkswirtschaften. Dieser Theorie zufolge setzt sich die Erhöhung des Kapitalstocks so lange fort, bis das Grenzprodukt international angeglichen ist. Dieser Mechanismus mag einer der Hauptgründe für die weltweite Konvergenz der Produktivität sein.

Die Globalisierung hört nicht im Portemonnaie auf. Durch den internationalen Handel treffen Kulturen aufeinander, die friedlich nebeneinander existieren und sich vermischen. Globalisierung trägt somit zur Völkerverständigung bei. Wer sich ökonomisch abschotten und autark wirtschaften will, schottet sich auch stets ideell ab.

Die ideelle Abschottung, das Wegsehen, der fehlende Mut, seine Ideen im Winde anderer zu testen, ist der Feind jeglicher Innovation und Kreativität. Globalisierung erzwingt genau das Gegenteil. Flankierend dazu globalisiert sich auch die Sprache. Von Berlin bis Bangkok, von Bratislava bis Buenos Aires, von Manila bis Mexiko-Stadt – überall können immer mehr Menschen auf Englisch ausführlich und meist recht zufriedenstellend miteinander kommunizieren. Die Ausbreitung der Weltsprache Englisch hat nicht zuletzt mit den weltweit wachsenden Wirtschaftsverflechtungen zu tun.

Es muss eine Gegenstimme zu den leider immer lauter werdenden Unkenrufen der Globalisierungskritiker geben. Es ist daher gut, dass die Bundesregierung nun einen Gesetzentwurf zur Ratifizierung des CETA-Freihandelsabkommens zwischen der Europäischen Union und Kanada beschlossen hat. Denn gerade der Freihandel mit Demokratien kann Europa resilienter gegen Autokraten machen.

Souveränität statt Autarkie

Resilienz als aus der Psychologie stammender Begriff bezeichnet die Anpassungsfähigkeit an Probleme. Befördert wird Resilienz durch ein unterstützendes Umfeld, und gerade deswegen muss jetzt der Freihandel ausgebaut werden – weil genau er so ein unterstützendes Umfeld schafft beziehungsweise bietet. Resilienz kann sich nicht in Abschottung entfalten, weil Abschottung stets mit Verdrängung einhergeht. Es braucht daher eine resiliente Offenheit westlicher Demokratien im Freihandel, auch wenn das angesichts der Politik mancher Länder sicher – emotional – schwerfällt.

Genau aus diesem Grund sind die Rufe nach Autarkie der deutschen oder europäischen Wirtschaft verfehlt. Autarkie untergräbt und erstickt den Ideenwettbewerb und ist somit der Tod der besseren Lösung. Statt Autarkie braucht es Souveränität, die vielschichtiger ist. Souveränität meint dabei nicht die komplette Unabhängigkeit von ausländischen Wirtschaftszonen – diese ist utopisch und nicht wünschenswert. Sie meint viel mehr den gekonnten Umgang in diesem Netz der Abhängigkeiten. Wagen wir uns in dieses Netz, kann durch die zu erhoffende Wiederbelebung der Globalisierung die Welt wieder stärker zusammenwachsen, Armut eliminiert und die Potenziale des menschlichen Erfindergeistes voll ausgeschöpft werden.

Dieser Artikel erschien zuerst in der Sonderveröffentlichung „Wohlstand für alle – Marktwirtschaft kann Krise besser“ der Ludwig-Erhard-Stiftung.

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